Über gesunden Menschenverstand

Wie jede zielgerichtete Reise eine Landkarte erfordert, so braucht der Mensch eine grundlegende Orientierung, um im Leben navigieren zu können. Ein intuitives und überschaubares Navigationssystem bietet uns ein gesunder Menschenverstand. In fast allen Kulturen und Zeiten geschätzt, aber mit dem Siegeszug der Scheinheiligkeit in den Hintergrund geraten, steht er nun bereit, wieder zum Einsatz zu kommen. Dieses in allen Menschen angelegte intuitive Grundvermögen ist geeignet, religiöse und kulturelle Eigenarten nachzuempfinden, unterschiedliche Lebensbedingungen zu verstehen und die Würde der anderen zu respektieren. Es handelt sich um eine individuelle und durchaus erlernbare Fähigkeit, sich in den Wirren des Lebens zurechtzufinden, einen Weg in die Zukunft zu bahnen und Verantwortung zu übernehmen. Die entscheidende Frage lautet: Lässt sich diese Form einfacher Vernunft auch auf die globale Ebene übertragen? Angesichts der weltumspannenden Krisen ist vielen Menschen bewusst geworden, wie wenig wir in der Lage sind, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Notwendig ist eine zweite, auch globale Perspektive der Vernunft, um auf die Ebene einer kooperativen Kultur zu gelangen. Nur sie befähigt uns, aus dem Hamsterrad einer mörderischen Untergangslogik herauszukommen.

Weder der individuelle noch ein vereinter Menschenverstand bieten Patentlösungen. Es gibt nicht den einen Königsweg zum Glück. Stattdessen geht es um den Versuch, ein grundlegendes und mehrdimensionales Verständnis unserer Lebenswelt zu entwickeln. In diesem Zusammenhang wird schnell klar, dass man nur das begreifen und verarbeiten kann, was man selbst denkt und fühlt. Wir sehen die Dinge so, wie wir sie zu bewerten vermögen. Dieser Umstand der vom Beobachter abhängigen Beobachtung ist wichtig für das Verständnis des menschlichen Denkens. Wir haben es mit zwei gleichzeitigen Betrachtungswinkeln zu tun. Man kennt das Beispiel vom halb leeren oder halb vollen Glas. Diese gleichzeitige Existenz von zwei Eindrücken bezeichnet man als Vexierbilder. Es handelt sich um Bilder, die, je nachdem wie man die Wahrnehmung fokussiert, andere Objekte oder Blickwinkel ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken. Ein berühmtes Beispiel ist jenes Bildnis, auf dem zwei höchst unterschiedliche Frauen zu sehen sind, eine sehr junge und eine sehr alte. Man kann nur die eine oder die andere wahrnehmen, niemals beide zugleich. Unser Gehirn ist nicht in der Lage, mehrdimensionale Informationen gleichzeitig zu verarbeiten. Deshalb bleibt bei einer schnellen oder einseitigen Wahrnehmung oft die andere Hälfte vom ganzen Bild verborgen.

Dass wir vieles nicht verstehen, das meiste nicht kennen und eine Menge falsch interpretieren, gehört zu unserem Schicksal. Dazu gesellen sich aber noch besonders vertrackte Phänomene, wie das Beispiel der Vexierbilder veranschaulicht, die uns je nach persönlichem oder kollektivem Verständnis auf völlig falsche Fährten locken können. Die Brüder Grimm sprechen in ihrem Wörterbuch von einem in der Zeichnung verborgenen Betrug. Franz Kafka unterstrich diese paradoxe Annahme und sagte, dass das Versteckte in einem Vexierbild deutlich und gleichzeitig unsichtbar sei. „Deutlich für den, der gefunden hat, wonach er zu schauen aufgefordert war, unsichtbar für den, der gar nicht weiß, dass es etwas zu suchen gilt.“i Diese Doppeldeutigkeit verweist auf die Begrenztheit unserer Wahrnehmung und erfordert den Maßstab des Konkreten, um zu klaren Bewertungen zu gelangen.

Der Begriff des gesunden Menschenverstands wird seit der Antike kontrovers diskutiert. Fast alle großen Denker haben das Thema gestreift, aber auf eine praxistaugliche Beschreibung hat man sich nicht einigen können. Einstein verlachte ihn, Marx verhöhnte ihn als bürgerliche Borniertheit, und Nietzsche verachtete ihn als ordinären Allerweltsglauben. Auf der anderen Seite gab es ganz andere Stimmen: Cicero zählte ihn zur Grundausstattung des Menschen, Kant sah ihn als „Probierstein der Orientierung“, und Hannah Arendt bezeichnete ihn als „Wirklichkeitssinn“. Die Internetrecherche fördert ein unüberschaubares Sammelsurium weitschweifiger Texte zutage, die von einer praktischen Anwendung eher wegführen. Bücher, die anhand ihres Titels Auskunft erwarten lassen, überraschen mit esoterischen Heilsbotschaften. In einigen großen Enzyklopädien dagegen sucht man brauchbare Einträge vergeblich. Insgesamt erscheint ein verworrenes Bild, das vermutlich den momentanen Stellenwert des gesunden Menschenverstandes recht gut widerspiegelt.

Die Dringlichkeit seiner Anwendung im 21. Jahrhundert lässt sich im historischen Rückblick auf eine Vielzahl internationaler Vordenker zurückführen. Insofern ist es hilfreich, sich kurz mit der langen Entwicklung des hier verwendeten Begriffs zu beschäftigen. Der gesunde Menschenverstand ist ein Produkt der europäischen Geistesgeschichte. Im Englischen heißt er common sense, im Französischen sens commun oder bons sens und im Lateinischen sensus communis. Dieser Terminus bildet die Grundlage des Gedankenkomplexes und ist eine Übersetzung des von Aristoteles geschaffenen Wortes koine aisthesis, das knapp als „Gemeinsinn“ übertragen werden kann. Der große Philosoph hat also die Initialzündung gegeben, indem er neben den fünf bekannten Sinnen einen sechsten Sinn eingeführt hat, den gemeinsamen. Dieses synergetische Konstrukt ist von vielen Denktraditionen jahrhundertelang bearbeitet worden. Die Persönlichkeiten, die sich mit diesem Thema auseinandergesetzt haben, bilden ein Pantheon der Geistesgrößen. Platon, Cicero, Thomas von Aquin, Leonardo da Vinci oder René Descartes waren darunter, um nur wenige zu nennen.

Einer der bedeutendsten, wenn auch ein kritischer Verfechter des gesunden Menschenverstands war Immanuel Kant. Ihm erschien die nicht wissenschaftliche Urteilsfähigkeit gemäß empirischer Prinzipien höchst bedeutsam. Er sah im gemeinen Verstand ein Vermögen und eine Erkenntnisbasis, um gemeinsame Urteile in concreto einzusehen. Für ihn war er der Sinn für das Machbare und das Realistische. Kant sah darin ein unentbehrliches Wahrheitskriterium. Darin steckt die Botschaft, die eigenen Urteile mit denen der anderen zu vergleichen und möglicherweise auftretende Widersprüche zum Anlass einer erneuten Selbstprüfung zu machen. Die seit der Aufklärung zentrale Fähigkeit des Selbstdenkens bildet hier einen wesentlichen und konkrethischen Kern.

In Bezug auf sein Potenzial für unsere Lebensbewältigung scheint mir ein gesunder Menschenverstand der Retter in der Not zu sein. Mit seiner Hilfe werden wir uns gegen die herrschende „Sinnflut“ behaupten. Es ist deshalb an der Zeit zu schauen, welche Rolle er heute spielen kann. Der Theologieprofessor Calvin Ellis Stowe bezeichnet ihn als Talent, die Dinge zu sehen, wie sie sind, und Dinge zu tun, die getan werden sollten. Jetzt geht es darum, in einem gemeinsamen Verständigungsprozess jene grundlegenden Lebenseinsichten herauszuarbeiten, die jedem Menschen zur Verfügung stehen. Die menschliche Orientierung beruht auf dem ganzen Spektrum praktischen Alltagswissens, einem verinnerlichten Verhalten, das von der Notwendigkeit der Ernährung bis zur Erholsamkeit des Schlafes reicht und sich unserer bewussten Wahrnehmung weitgehend entzieht. […]

i Kafka-Zitat in: http://de.wikipedia.org/wiki/Vexierbild

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