“Scheinheiligkeit ist die größte Blase des 21. Jahrhunderts”

 

Über Scheinheiligkeit

Gegenüber ethischen Ansprüchen und realen Verhältnissen hat das Phänomen der Scheinheiligkeit längst die Oberhand gewonnen. Wir stehen inmitten von Kriegen, Ölkatastrophen, Bankenwahn und Erfolgssucht. Aber Verursachung und Folgen werden mit medialen, juristischen und politischen Mitteln im Sand zerrieben. Opfer und Täter sind zu Igel und Hase verkommen; mächtiger und rechtsfähiger sind diejenigen, die es sich leisten können. Daneben reisen fragwürdige Vorbilder durch den Orbit des Entertainments und überschütten die Seelen ihrer Bewunderer mit Nichtigkeiten. Das Geschwätz der Politiker, der Mensch stünde im Mittelpunkt, die Heuchelei der Banken, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, oder auf den Märkten, der Kunde sei König, ist schlicht unerträglich. Der Mensch ist längst zum bloßen Konsumenten degradiert worden. Die ihn jagende Werbung erzählt Märchen, die selbst in geschlossenen Abteilungen niemand glaubt. Man reibt sich ungläubig die Augen, und die überall aufkeimende Wut wirkt wie ein Juckreiz, der den verletzt, der sich kratzt.

Über Krieg

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Rote Kreuz gegründet. Damals waren die Opfer der Kriege zu 99 Prozent Angehörige des Militärs, die auf Schlachtfeldern starben. Heute verlieren in kriegerischen Auseinandersetzungen zu 90 Prozent Zivilisten ihr Leben und ihre Existenzgrundlagen. Laut Bericht des Heidelberger Instituts für Konfliktforschung aus dem Jahr 2012 hat es vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zu diesem Zeitpunkt 388 militärische Kriege gegeben. Darunter wurden 38 hochgewaltsame Konflikte identifiziert, 20 dieser Auseinandersetzungen erreichten die höchste Intensitätsstufe des Krieges. Das Jahr 2011 bot die kriegerischste Atmosphäre seit 1945. Allein ihr War on Terror hat die Amerikaner seit dem Jahre 2001 vier Billionen Dollar und 225.000 Menschenleben gekostet. Und dort, wo Konflikte noch nicht eskaliert sind, bestimmt allzu oft der drohende Waffengang die Logik des Alltags.

Über gesunden Menschenverstand

Wie jede zielgerichtete Reise eine Landkarte erfordert, so braucht der Mensch eine grundlegende Orientierung, um im Leben navigieren zu können. Ein intuitives und überschaubares Navigationssystem bietet uns ein gesunder Menschenverstand. In fast allen Kulturen und Zeiten geschätzt, aber mit dem Siegeszug der Scheinheiligkeit in den Hintergrund geraten, steht er nun bereit, wieder zum Einsatz zu kommen. Dieses in allen Menschen angelegte intuitive Grundvermögen ist geeignet, religiöse und kulturelle Eigenarten nachzuempfinden, unterschiedliche Lebensbedingungen zu verstehen und die Würde der anderen zu respektieren. Es handelt sich um eine individuelle und durchaus erlernbare Fähigkeit, sich in den Wirren des Lebens zurechtzufinden, einen Weg in die Zukunft zu bahnen und Verantwortung zu übernehmen. Die entscheidende Frage lautet: Lässt sich diese Form einfacher Vernunft auch auf die globale Ebene übertragen? Angesichts der weltumspannenden Krisen ist vielen Menschen bewusst geworden, wie wenig wir in der Lage sind, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Notwendig ist eine zweite, auch globale Perspektive der Vernunft, um auf die Ebene einer kooperativen Kultur zu gelangen. Nur sie befähigt uns, aus dem Hamsterrad einer mörderischen Untergangslogik herauszukommen.

Über Konkrethik

Betrachtet man eigene oder fremde Verhältnisse als Wetterphänomene, die man nicht beeinflussen kann, oder will man irgendeine Form der Verantwortung übernehmen? Schon einfachste Fragen der Lebensgestaltung und Berufsethik scheinen heutzutage die Unterstützung von Rechtsanwälten, Psychotherapeuten, Pressereferenten, Ernährungsberatern und Fitnesstrainern zu erfordern. Diese Lebenseinstellung stand mir allmählich bis zum Hals. Bereits im Jahre 2006, als ich an meinem Buch Goldkinder arbeitete, habe ich die Idee der Konkrethik entwickelt. Seit dieser Zeit beschäftige ich mich mit dem Versuch, eine allgemein zugängliche Grundlage für richtiges Handeln zu entwerfen. Ausgangspunkt waren emotionale und intuitive Eindrücke auf der Ebene des gesunden Menschenverstands. Zunächst wollte ich mir selbst helfen und eine konkrete Umsetzung ethischer Haltungen in der Praxis erarbeiten. Schnell wurde mir klar, dass es einer wirklichen Kunstfertigkeit und Selbstbeherrschung bedurfte, um endlich zu lernen, in vielen Situationen Nein zu sagen. Bei diesen ganz praktischen Selbstversuchen war es unumgänglich, Illusionen zu entlarven und Widersprüche zu entdecken.