Vorwort

Es herrscht Krieg. Rund um die Welt sterben Menschenmassen in militärischen und terroristischen Auseinandersetzungen. In vielen Ländern toben verheerende Bürgerkriege. Eine weltumspannende Kriminalität torpediert die legalen Systeme aus dem Untergrund. Gleichzeitig rütteln Staats- und Finanzkrisen an den Fundamenten der Gesellschaften und verursachen Leid und Verelendung. Im Vordergrund steht ein zersetzender Machtkampf zwischen Politik und Finanzwelt. Letztere betreibt eine neue Art der Kriegsführung, die eine vergleichbare Strategie verfolgt wie in der Vergangenheit die militärischen Eroberer. Sie zielt auf die Übernahme staatlicher Infrastruktur und die Aneignung von Land und Ressourcen. Sie erhebt ungeheure Tributzahlungen und erzwingt die Abtretung unkontrollierbarer Schuldenmengen. Selbst im Hoffnungsträger Internet vollzieht sich ein Cyberkrieg, der in seinem Zerstörungspotenzial unabsehbar erscheint. Die irritierende Vielfalt dieser Kriegsszenarien erinnert an ein Ungeheuer aus der griechischen Mythologie: Die Hydra war ein schlangenähnliches Wesen mit neun Köpfen. Selbst wenn es gelang, einen Kopf abzutrennen, wuchsen zwei neue nach.

Die Hydra der aktuellen Kriege hat so viele unterschiedliche Köpfe, dass schon der Gedanke ans Abschlagen ein grausiges Schaudern erzeugt. Davon losgelöst kann man aus der europäischen Geschichte lernen, dass fast alle Revolutionen und kriegerischen Umstürze aus dem  Nährboden der  Überschuldung erwachsen sind.  Früher  war diese  exorbitante Verschuldung eine Ausnahmesituation in Kriegs- und Krisenzeiten. Heute ist dieser Wahnsinn zu einem systemischen Prinzip geworden. Die komplizierten Sachlagen und globalen Verhältnisse erscheinen so abstrakt, dass uns der gesunde Menschenverstand abhan- dengekommen ist. An seine Stelle ist eine latente Scheinheiligkeit getreten, die in den letzten Jahren inflationäre Ausmaße angenommen hat. Diese Einsicht in ebenso scheinheiliger Ignoranz zu verdrängen heißt, die Augen vor den konkreten Tatsachen zu verschließen.

Diese Sätze mögen nach donnerhafter Offenbarung klingen, aber sie sind vielmehr wütender Ausdruck einer ehrlichen Besorgnis. Dieser Sturm legt sich  nach den ersten bleihaltigen Kapiteln, und es folgen klare Betrachtungen, um die Fährte des verlorenen Menschenverstandes wieder aufzunehmen. Unsere Vernunft ist unter die Räder der Scheinheiligkeit geraten. Um dieser unheilvollen Entwicklung zu trotzen, sollten wir uns verbinden und verbünden. Die Scheinheiligkeit ist eine Infektionskrankheit des Geistes, die nur therapiert werden kann, wenn wir bereit sind, Selbstkritik zu üben und das Verdrängen zu überwinden. Ein gesunder Menschenverstand weiß, dass man aus Fehlern klug werden kann.

Nun bedarf es der radikalen Bereitschaft, aus den aufgetürmten Irrtümern auch zu lernen. Nur so kann unser Gehirn eine falsche Programmierung verändern. Hören wir nicht länger auf die Scheinheiligen, die das Besserwerden dem Besserwissen geopfert haben.

In dieser prekären Situation brauchen wir einen lernbereiten Menschenverstand. Er kann als simples Werkzeug dienen, um den abstrakten und nebulösen Gefahrenlagen konkrete Erklärungen entgegenzusetzen. Statt politischer Hebelprognosen und ökonomischer Wachstumsvisionen wollen wir Menschen praktische, überschaubare und verlässliche Problemlösungen. Erst wenn wir merken, dass Probleme gelöst werden können, werden wir langsam das verlorene Vertrauen zurückgewinnen. Wir haben gemeinsam das Recht und die Pflicht, dies zu verlangen und danach zu streben.

Verdrängung und Scheinheiligkeit haben dazu geführt, dass wir mit einer Vielzahl unterschiedlicher Kriegsszenarien konfrontiert werden. Solange Schein und Sein in eklatanter Weise auseinanderfallen, gilt das vorsintflutliche Recht des Stärkeren. Wollen wir uns diesem erbärmlichen Theater wirklich weiter aussetzen? Um der Bankrotterklärung unseres Menschenverstandes die Stirn zu bieten, ist es notwendig, unser Denken und Handeln mit tatsächlicher Verantwortung zu  verknüpfen. Diesen  Prozess,  Sinnvolles und Verantwortungsvolles wirklich zu tun und bis zum Schluss dafür geradezustehen, nenne ich Konkrethik. Es geht darum, das radikal Gute und Richtige zu erkennen und umzusetzen. Diesen konkrethischen Weg zu suchen und einige scheinheilige Schleier zu zerreißen ist das Ziel der nun folgenden Kapitel. Die Tatsache, dass wir den ersten wirklich weltumspannenden Krieg der Menschheitsgeschichte erleben, ohne uns dessen bewusst zu sein, ist der Ausgangspunkt dieser Publikation.

Mein Essay bemüht sich darum, mich und vielleicht andere aufzuwecken. Darüber hinaus ist es an der Zeit aufzubegehren. Diesem Impetus gehorchen die folgenden Bekenntnisse. Sie erheben keinen Anspruch auf eine Gesamtlösung aller Probleme, sondern verstehen sich als persönliches Experiment, das Denken zu überdenken. Die grundsätzliche Haltung meines Vorgehens spiegelt sich in einem imposanten Satz von Gottfried Benn wider: „Ich bin kein gepflegtes Gehirn, das seine Produkte an gekachelte Molkereien abliefert.“ Trotz und wegen dieses Anspruches auf Originalität ist es mein Ziel, dem geneigten und kritischen Leser einen Anreiz für eigene Betrachtungen zu bieten.

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